Samstag, 29. November 2025

Meine Alltags-Grammatik

Fühle ich mich berufen, eine Grammatik der internationalen Sprache Esperanto zu schreiben? Nein, ich würde mein Zeit gern mit anderen Dingen verbringen.

Warum mache ich es? In den vielen Jahren, in denen ich mit der Sprache beschäftige, an Kongressen teilgenommen, übersetzt und Texte verschiedenen Inhalts geschrieben und korrigiert habe, musste ich feststellen, dass es im Wesentlichen zwei Arten von Büchern zur Eo-Grammatik gibt. Einmal gibt es verhältnismäßig kleine Gram­matiken, die die 16 Regeln mit einigen Erweiterungen wiedergeben. Das hilft viel­leicht im Esperanto-Kursus, keines­falls kann man damit lange Texte über­setzen oder ver­fassen.

(Aber was sind sind die 16 Regeln? Die gesamte Grammatik bilden sie nicht ab, son­dern sie definieren die Sprache. Wer diese Regeln einhält, spricht Esperanto. Wer nicht, der spricht irgendein Kaude­rwelsch. Die Grammatik ist viel mehr.)

Daneben gibt es einige dicke Bücher vor allem in Esperanto, die den Sprach­gebrauch analysieren. Die Plena Analiza Gramatiko kommt auf rund 600 Seiten, das Plena Manlibro de Esperanta Gramatiko sogar auf 748 Seiten. Diese Bücher können vor allem eins nicht: Demjenigen, der die Sprache lernt und seine ersten Schritte in der neuen Sprache unternimmt, hilfreich unter die Arme greifen. Ein Anfänger nimmt keine dicken Wälzer in einer fremden Sprache zur Hand, weil er zurecht befürchtet, dass er nichts von dem versteht, was dort steht. Bücher mit hunderten von Seiten trägt man nicht im Alltag mit sich herum, und man hat sie auch nicht auf seinem Tablet-PC. Und: Die wenigsten sind Sprachwissenschaftler oder kennen sich mit der Fachsprache aus.

Damit sind wir genau an dem Punkt, an dem ich zu Beginn meines Esperantisten-Daseins war. Einzig der Göhl (Ausführliche Sprachlehre des Esperanto) stand zwischen beiden Fronten: Er war ausführlich, in Deutsch und nicht zu umfangreich. Seine Nachteile: Er hatte ein grauenhaftes, ziemlich unübersichtliches Layout und ist aus heutiger Sicht in seinen Fachbegriffen inzwischen veraltet.  Der Nachdruck von 1973 kommt auf etwa 300 Seiten im Format 14,5 x 20,3 cm.

Welche grammatischen Kennt­nisse kann ich voraus­setzen? Ich wurde 1962 ein­geschult, und unser Jahr­gang war der erste, der etwa ab der 5. Klasse im Deutsch- und Fremd­sprachen­unter­richt komplett auf die deutschen Be­zeich­nungen für grammatische Fach­begriffe verzichtete. Ich weiß zwar, was Haupt- und Ding­wörter sind, doch in der Schule haben wir mit Substantiven gearbeitet. Natür­lich haben sich das nicht alle Schüler ein­geprägt, und die meisten haben längst ver­gessen, was Substantive, Verben und Ad­jektive sind. Trotzdem setze ich Kennt­nisse voraus, die in etwa dem Wissens­stand eines guten Schülers der achten bis zehnten Klasse einer Poly­tech­nischen Ober­schule der DDR ent­sprechen. (Russisch wurde ab der fünften, die fakul­tative zweite Fremd­sprache, in der Regel Englisch, ab der sieb­ten Klasse unter­richtet.)

Quelle: Gräf, G., Hoffmann, S., Klein,F.: English for you 1. Begleitmaterial zum Fernsehunterricht. Berlin: Volk und Wissen 1970.  S. 76.

Ich bevorzuge Lehr­materi­alien, die mir kurz und knapp einen Sach­verhalt er­klären und an­schließend mit tref­fenden Bei­spielen er­läutern. So habe ich auch versucht, die Gram­matik auf­zubauen.

Deshalb nenne ich sie Alltags-Grammatik: Sie soll den Be­nutzer durch die all­täglichen Probleme der Sprache begleiten. Sie ist keine wis­sen­schaft­liche Ab­handlung. Sie analy­siert nie­mandes Sprach­gebrauch. Mein Blick­winkel ist der eines Über­setzers und Autors. Ich hoffe, dass ich gram­matische Zusammen­hänge mit aus­reichender Genau­ig­keit be­schrieben habe, ohne zu sehr ins Detail zu gehen und dadurch den Leser zu verwirren. 

Ich konzentriere mich nicht darauf, WAS etwas ist, sondern WIE etwas im Esperanto umgesetzt wird. Das WAS muss der Interessierte in den Grund­lagen - mehr wird nicht ge­braucht - aus der Schule mit­bringen oder sich im Inter­net an­lesen, und das WIE wird ähnlich einem Lehr­buch an Bei­spielen erläutert.

Jetzt komme ich zu einem schwie­rigen Thema. Als "ita/ata-Streit" steht das Partizip Passiv seit Jahr­zehnten im Mittel­punkt vieler sprach­licher Aus­einander­setzungen. Dazu muss man sich klar­machen, dass es in der deutschen Sprache ein Vor­gangs­passiv und ein Zu­stands­passiv gibt. Das Vor­gangs­passiv be­schreibt eine Hand­lung (Das Fenster wird geöffnet.), das Zu­stands­passiv den Zu­stand nach einer Hand­lung (Das Fenster ist geöffnet.). Ersteres wird mit dem Hilfs­verb "werden" gebildet, letzteres mit "sein". Im Espe­ranto gibt es nur ein Hilfs­verb "esti". Ohne auf die Her­leitung einzu­gehen: Ich betrachte das Passiv im Esperanto grund­sätz­lich als Vor­gangs­passiv. Wer eine aus­führliche Begrün­dung braucht, lese die Bücher von Geraldo Mattos, Quellen­angabe be­findet sich in der Alltags-Grammatik

Was halte ich noch für not­wendig zu sagen?

  • Ich habe beim Verfassen des Buches sehr viel über Grammatik lernen müssen und bin trotzdem kein Sprachwissenschaftler geworden.
  • Im Handel und selbst bei Ebay sind aktuell kaum deutschsprachige Esperanto-Grammatiken erhältlich. Ich möchte diese Lücke mit einem kostenlosen, sofort und überall verfügbaren elektronischen Buch schließen, das man bei Bedarf ohne besonderen Aufwand in eine Ausgabe auf Papier umwandeln kann.
  • Ich habe festgestellt, dass es offensichtlich keine YouTube-Videos zum Thema »Deutsch für Ausländer« und keine Webseiten mit Hilfen zum Deutsch­unterricht für Schüler gibt, die inhaltlich fehlerfrei sind. Das ist sehr bedenklich. Ähnliches gilt für das Fach Mathematik. Viele Autoren verbergen in einem Wust von Wörtern das Wesentliche, das manchmal in einem Nebensatz zu finden ist und man erst beim dritten Durchlesen bemerkt, oder ihr eigenes Unwissen. Einige Autoren beschreiben etwas richtig und bringen mit ihren anschließenden Beispielen alles wieder durcheinander.
  • Das Layout, das Arrangement von Texten und Bildern, sowohl in Büchern als auch im Internet trägt meiner Meinung nach nicht dazu bei, das Lernen und Begreifen zu unterstützen. Die einen gestalten ihre Werke immer noch wie vor zwanzig Jahren (unendliche Wüsten aus schlecht gegliedertem Text), die anderen überfrachten ihre Seiten mit fetten Überschriften und grafischen Elementen, zwischen denen der Nutztext untergeht. Ich sollte mich vielleicht nicht zu weit aus dem Fenster lehnen … ich mag gut gestaltete, aufgelockerte Texte, Aufzählungslisten und Tabellen.

Wer mich auf Fehler, Unstimmigkeiten und Ähnliches aufmerksam machen oder mit mir diskutieren will, kann dies gern tun. Wer meine E-Mail-Adresse nicht kennt: über den Esperanto-Verband an michael.lennartz.

Nachdem Sie meine lange Einführung in die Alltags-Grammatik des Esperanto überstanden haben: Hier ist der Link zum Download. 

https://tiny.cc/mlgramm (Der konkrete Pfad zur Datei kann sich ändern.)

Sie können das Buch im Copy­shop drucken lassen (Titel­bild und Rück­seite sind in der PDF-Datei enthalten) oder die Datei auf Tablet-PC oder Computer kopieren. Je nach Druckerei können Sie das Material als Lose­blatt­sammlung, gelocht, als Broschüre oder in ver­schiedenen Bindungs­arten he­rstellen lassen. Dafür beträgt der Preis nach meinen Recherchen 8 bis 20 Euro. Ein Tablet-PC sollte eine Bild­schirm­diagonale von  10 Zoll haben. 

Mein Arbeits­exemplar habe ich mit Spiral­bindung (Draht­kamm­bindung) und auf Papier mit einem Gewicht von 100 g/m² her­stellen lassen für eine ein­fache Hand­habung und lange Lebensdauer.


Mein gedrucktes Exemplar stammt von "drucksofa.de".

Das Urheber­recht liegt bei mir, ich erlaube und wünsche die kosten­lose, zeit­lich unbe­grenzte Nutzung und Ver­breitung der Datei.